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Abstimmungsmanipulationen: auch HR, WDR und RBB haben verarscht

Michael Nickles / 8 Antworten / Flachansicht Nickles
Nahezu zeitgleich haben HR, RBB und WDR redaktionelle Manipulationen von Zuschauerabstimmungen gebeichtet. (Foto: Screenshot-Ausschnitte HR, RBB, WDR)

Vor einem Monat kam raus, dass das ZDF Deutschland betrogen hat, bei der Ranking-Show "Deutschlands Beste" in höchst peinlichem Ausmaß manipuliert wurde.

Vor wenigen Tagen beichtete der NDR, dass bei Zuschauer-/Zuhörer-Abstimmungen mehrfach manuell nachgebessert wurde.

Wer da vermutet hat, dass es erst um die Spitze des Eisbergs geht, lag richtig. Dem Club der Verarscher haben sich jetzt auch HR, WDR und RBB hinzugesellt.

HR: Per freiwillger Selbstuntersuchung hat der HR festgestellt und gemeldet, dass die Redkation "in der Vergangenheit bei einzelnen Ranking-Sendungen im HR-Fernsehen in die Ergebnisse der Online-Votings eingegriffen hat.".

Im Zeitraum 2011 bis 2014 wurden 29 "Abstimmungs-Shows" produziert, bei drei Sendungen wurde manipuliert, was nicth kenntlich gemacht wurde. Bei "Die beliebtesten Klassiker des Kinderfernsehens" wurde nachgeholfen, weil nach Abschluss des Online-Votings sich noch eine auffällig massive Stimmenabgabe für ein Format ereignet hat (wie geht das nach Abschluss?).

Aus "dramaturgischen Gründen" wurden dann noch zwei Plätze getauscht, um nicht zwei Trickfilme hinterinander zu platzieren. Intendant Dr. Helmut Reitze bedauert die Vorfälle: "Die redaktionellen Eingriffe ins Voting im hr-fernsehen hätten dem Publikum transparent gemacht werden müssen.“

RBB: Der Rundfunk Berlin-Brandenburg erklärt in seiner Mitteilung, dass bei einer  Selbstüberprüfung in der vergangenen Jahren zwei Fälle von Manipulation bei Ranking-Sendungen im Jahr 2013 entdeckt wurden.

Betroffen waren die Sendungen "21 Dinge, die man in Berlin erlebt haben muss" und "21 Dinge, die man in Brandenburg erlebt haben muss". An der Abstimmung haben 350 Zuschauer teilgenommen, was sie sich durchaus hätten schenken können.

Denn: ihr Urteil spielte keine Rolle. Die verantwortliche Redaktion hatte laut RBB "eine andere Sendedramaturgie für wirkungsvoller gehalten" und die Reihenfolge deshalb manipuliert.

Heiner Heller, Programmbereichsleiter „Neue Zeiten“ im RBB stellt hierzu fest: "Wenn wir das Publikum abstimmen lassen, muss das Ergebnis gelten. Die beiden betroffenen Sendungen sind deshalb für eine weitere Ausstrahlung gesperrt und aus unserer Mediathek entfernt."

WDR: Auch der WDR hat laut eigener Mitteilung seine bisherigen Ranking-Sendereihen im Fernsehen einer gründlichen Prüfung unterzogen. Ergebnis: bei 10 von 111 Sendungen in den Jahren 2008 bis 2014  habe die Redaktion "in die Reihenfolge eingegriffen" (die Zuschauer betrogen).

Als Grund gibt der WDR an, dass die Online-Abstimmung "verzerrt" gewesen sei, nicht "zu klaren Ergebnissen" geführt hätte. Eine Rangveränderung aus "dramaturgischen Gründen" habe dabei nicht stattgefunden. Der WDR versucht sich damit rauszureden, dass beispielsweise mal kurzzeitige massive Klickaktionen von Abstimmungsteilnehmern rechnerisch wieder ausgegelichen wurden.

In anderen Fällen sei die Beiteiligung an der Abstimmung so gering gewesen, dass es auf den hinteren Plätzen zu Gleichständen kam. Drum wurde dort mit zusätzlichen Publikumsbefragungen durch ein Institut nachgeholfen oder es wurden "journalistische Kriterien" wie statistische Werte verwendet.

Laut WDR waren die "Korrekturen" eindeutig journalistisch begründet, sie hätten dem Publikum gegenüber aber dennoch transparent gemacht werden müssen. Die Programmverantwortlichen basteln jetzt an neuen Konzepten für Auswertungen für Ranking-Shows. Die 10 "Betrugsfälle" hat der WDR in seiner Mitteilung detailliert beschrieben.

Michael Nickles meint:

Der RBB macht eine Online-Abstimmung, an der 350 (in Worten "dreihundertfünzig" Zuschauer teilgenommen haben! Das Interesse an den 21 Dingen die man in Berlin und Brandenburg erlebt haben muss, scheint gewaltig gewesen zu sein. Leider nennen die anderen Sender keine Zahlen, wie hoch die Beiteilung an den Abstimmungen jeweils war. Mein Bauch sagt mir, dass es auch dort vermutlich nur eine lächerliche Beteiligung gab. Da fragt man sich schon, warum solche schwachsinnigen Voting-Sendungen überhaupt produziert werden.

Interessant fand ich die "Schönredeversuche" der Sender. Und ja: ich habe Verständnis dafür, dass die Redkationen mal nachgeholfen haben, wenn Ergbenisse zu auffällig waren, Manipulationsverdacht bestand. Das hätte aber kommuniziert werden müssen. Aber so etwas kann man nicht brauchbar kommunizieren, weil halt einen gewissen "Beigeschmack" produziert hätte. Keine Ausrede gibt es für Manipulationen aus "dramaturgischen Gründen". Das ist ganz einfach Dreck.

Dreck den die Sender aber mühelos eingestehen können.  Aus dem Vorfall des ZDF haben sie schließlich gelernt, dass derlei redaktionelles Versagen sowieso keine nennenswerten personellen Konsequenzen hat.

Auffällig ist schließlich, dass sich drei öffentlich rechtliche Sender praktisch gleichzeitig geoutet haben. Den Grund dafür kann man sich leicht vorstellen. Gerade im Hinblick auf das Gezoffe um den Zwangsrundfunkbeitrag ist es strategisch einfach scheiße, wenn der Dreck zeitlich versetzt portionsweise ausgeschüttet wird.

Besser den Kübel gemeinsam auf einmal auf den Rasen kippen und düngen, damit das Gras schnell über alles komplett drüberwächst. Jetzt wissen wir also, dass uns schon 5 Sender beschissen haben. War es das jetzt, oder kommt noch mehr? Das Wettbüro ist eröffnet.

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Beispiel NDR: NDR1 Niedersachsen, NDR1 MV, NDR1 Welle Nord, NDR 90,3,  NDR2, NDR Kultur, NDR Info, NJoy, NDR Info-Spezial, NDR Blue. Alle Programme werden sowohl über UKW, als auch per Livestream über's Internet "gesendet". Was glaubst du, wieviele Hörer da diesen Programmen "lauschen"?

Die Ursache ist nicht Interesse der Hörer- oder Zuschauerschaft oder irgendeine sachliche Notwendigkeit, sondern die Dynamik des Systems. 
Aus einem temporär interessanten Spezialisten wird leicht mit der Zeit eine ganze Spezialabteilung. Aus einem rührigen Sekretariat nach Hinzufügen eines Redakteurs eine Abteilung, die wiederum nach einer Weile ein Sekretariat einrichtet. 
Nach dem Peter-Prinzip finden sich manch unproduktiv oder unliebsam Gewordene auf unwichtigen, aber immerhin vorhandenen und kostenden Nebengleisen wieder, während ihre findigen Nachfolger ihre Macht- und Zuständigkeitsbereiche weiter aufblähen. 

Dann sind da noch die Kinder der Mitarbeiter. Die werden in den Rundfunkanstalten ausgebildet und verbleiben in protegierten Positionen oder studieren erst bequem und abgesichert, um im Sender erst "nur zum Schnüffeln" zu jobben und dann eine solide Festanstellung zu finden. ÜberJahre und Jahrzehnte geht so ein Sender auf wie ein Hefeteig, ohne sein Gewicht zu vergrößern, und produziert immer mehr Wasserkopf, der für die eigentlichen Aufgaben -- Programmgestaltung und -herstellung -- nicht nötig ist, sondern eher Ballast und Hindernis darstellt, viel Bürokratie erzeugt und jeden Elan eher dämpft. 

Soll ich das noch weiter ausführen? -- Das ist wohl nicht notwendig. So ein Sender ist ja kein auf Profit ausgerichtetes und auf Kosten achtendes Unterfangen, sondern eine Maschine, die ihre Beschäftigung -- "Themen" -- täglich neu erfindet. Nachrichten werden dabei oft nicht gefunden und gebracht, sondern selbst erfunden und produziert.. -- bis hin zu Events, die keinen interessieren außer die Macher selbst, sozusagen als ABM.

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